Auf einen Espresso an den Lago

momoinno
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Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von momoinno » Di 8. Okt 2019, 22:13

Normalerweise ist es eine typische Schnapsidee, doch Severin trinkt keinen Schnaps. Also muss sie wohl irgendwie sonst entstanden sein, doch scheinbar nicht bei vollem Verstand. Was sonst „reitet einen“, wie es eine gute Freundin zu sagen pflegt, im Winter mit dem Mopped über die Alpen fahren zu wollen. Wir wissen es nicht, wir wissen nur dass wir es tun wollen. Auf einen Espresso an den Lago Maggiore. Ich übernehme die Planung und studiere die möglichen Anfahrtswege, die sich bedingt durch die Rahmenbedingungen an einer Hand abzählen lassen. Wir haben drei Tage Zeit und begleiten werden uns unsere tapferen Honda Innova 125 und Suzuki Address 125. Sie sind sparsam, klein und leicht, optimal für verschneite Passstraßen.

Mitte Februar 2017 geht es los. Ich fahre Freitag früh morgens um mich gegen 8 Uhr an der Schweizer Grenze mit meinem Mitfahrer zu treffen. Wie üblich wird es später und so kommen wir erst um 9 Uhr los, wollen Zürich in einem großen Bogen umfahren um keinesfalls in den Stadtverkehr zu kommen – Autobahn und Vignette? - passt nicht zu unserem Konzept! Der Lago Orta, via Lötschberg-Autoverladung und Simplon-Pass ist unser Tagesziel. Eine Unterkunft ist schon rausgesucht aber noch nicht gebucht, wer weiß ob wir ankommen. Nach nur 30km haben wir uns das erste Mal verfahren, müssen umdrehen und alle 5 Minuten halten um die Karte von Neuem zu studieren - GPS? - passt nicht zu unserem Konzept! Im Vorfeld hat Google gesagt, dass wir die 220km bis nach Kandersteg in 4:30 h schaffen werden. Um Punkt 16:21 Uhr kommen wir völlig entnervt am Kassenhäuschen der Autoverladung an. Die Schweiz über Land zu fahren bedeutet durch jede Ortschaft hindurch, jeden Kreisverkehr mitzunehmen und garantiert an jedem Zebrastreifen halten zu müssen. Im Stillen schwören wir uns nie wieder ohne Vignette und außerhalb einer Autobahn dieses Land durchqueren zu werden.

Die Dame am Schalter fragt freundlich ob es nicht ein wenig kalt sei. Meine triefende Nase spricht für sich und während uns ihr mitleidiger Blick weiter mustert trötet es aus ihrem Walki-Talki, dass die „Töffs“ schleunigst an der Autoschlange vorbei vorfahren sollen um eingewiesen zu werden. 5 Minuten später sitzen wir, nachdem wir einmal der Länge nach über den Zug gefahren sind, ganz vorne im Mopped-Abteil wo es mollig warm ist – wir sind heute die einzigen einspurigen Mitfahrer. Jenseits der Berner Alpen werden wir trotz der vorgerückten Stunde von der tief stehenden Sonne und blauem Himmel empfangen, was unsere Laune beflügelt und uns mit frisch befüllten Tanks den Simplon in Angriff nehmen lässt. Mit steigender Höhe wachsen die Schneeberge rechts und links der Fahrbahn und aus den „Fenstern“ der Galerien sehen wir riesige Eiszapfen als erstarrte Wasserfälle von der Decke hängen. Es wird zunehmend dunkler und beginnt zu schneiden. Am Pass zeigt das digitale Thermometer des Hotels Simplonblick -7 Grad an. Es schneit und windet mittlerweile unangenehm, die Straße ist seit dem Ausgang der letzten Galerie mit einer feinen Schneeschicht bedeckt – dank des niedrigen Schwerpunkts unserer Moppeds und der noch halbwegs profilierten Reifen, noch mehr oder minder gefahrlos – so zumindest meine Einschätzung. Das Restlicht reicht nur noch für verschwommene Fotos und der Wunsch schnellstmöglich in einem warmen Hotelbett zu liegen wächst ins Unermessliche. Doch es wäre zu früh bereits hier nach einer Unterkunft zu suchen, zum einen sind wir noch in der Schweiz wo wir unsere Moppeds für ein Zimmer in Zahlung geben müssten und zum Anderen wollen wir ja dahin wo es immer warm ist – nach Italien. Ein kurzes Telefonat mit einer Ordensschwester des „Centro di Spiritualita Maria Candia“ bringt Sicherheit, dass wir auch noch zu später Stunde ein Bett bekommen und so machen wir uns auf den Weg ins 90km entfernte Armeno. 1:30 h später stehen wir zwei gut gelaunten, älteren Damen gegenüber, die uns in unser Zimmer einweisen. Nach einer schnellen Pizza im einzigen Restaurant des Ortes schlafen wir beide den Schlaf der Seligen.

Der nächste Tag bringt neben einem typisch nüchtern italienischen Frühstück wenig Erheiterung. Das Wetter ist trüb und die Straßen südlich des Lago Maggiore lassen wenig Mopped-Feeling aufkommen. Wir wollen schnell nach Lecco kommen um uns von dort aus in das Kurvengeschlängel der Bergamasker Alpen zu stürzen. Doch scheinbar hat sich auch auf der Achse Arona – Como – Lecco ein schweizer Städtebauer verwirklicht und so benötigen wir für diese wenig mehr als 100km über 3 ½ Stunden. Erst auf dem 1340m hohen Passo di Valcava oberhalb von Lecco fühlen sich unsere Zweiräder auf kleinsten Straßen im Nirgendwo wieder richtig wohl. Die folgenden Kilometer schwingen wir uns die Serpentinen hinauf und hinab, schießen Bilder von schönen und noch schöneren Bergkulissen, nutzen die Hilfsbereitschaft der Einheimischen bei der Befestigung einer los vibrierten Schraube um doch irgendwann wieder feststellen zu müssen, dass auch dieser Tag nicht endlos ist. Umso heftiger holt uns die Realität nach einem Blick auf die mittlerweile installierte und manchmal dann doch recht hilfreiche GPS-App des Smartphones wieder ein. Die so harmlos anmutenden 57km Luftlinie zu unserem Tagesziel im Valtellina sollen mangels Befahrbarkeit des Passo San Marco aufgrund von Wintersperre in 135km Schnellstraßen-Bolzerei enden. Zwar könnten wir uns irgendwo im näheren Umkreis ein Zimmer suchen, doch hätten wir am Folgetag einen umso längeren Heimweg. Daher beißen wir in den sauren Apfel und gönnen unseren Rössern eine Vollgas-Kur, welche je nach Windrichtung, Straßengefälle und aerodynamischer Platzierung des Fahrers, irrwitzige Geschwindigkeiten jenseits von 100 km/h zulässt. Gegen 20 Uhr quälen wir uns die 3 Serpentinen zu unserem Hotel über dem Talboden in die Höhe um nach einem kurzen Abendessen und der obligatorischen Dusche in kuscheligen Bettdecken den Tag Revue passieren zu lassen.

Der letzte Tag unseres Trips begrüßt uns mit blauem Himmel und Sonnenschein, sowie einem für Italien nahezu überschwänglichen Frühstücksbuffet. Die noch warmen und gefüllten Cornettos, die frisch aufgebackenen Semmeln und nicht zuletzt der gute Joghurt stärken uns für die heutigen Herausforderungen. Die Webcam hatte uns am Vorabend noch vor einer geschlossenen Schneedecke auf dem 2340m hohen Berninapass gewarnt, worauf hin wir alle im Hotel möglicherweise entbehrbaren Utensilien in schneekettenähnliche Hilfsmittel umrüsten wollten, letztendlich aber auf den Winterdienst der schweizer Gebirgsmarine, mit freundlicher Unterstützung der wärmenden Sonnenstrahlen, vertrauen. Den Wink des Zöllners sehen wir als Bestätigung, dass die Passstraße ohne Einschränkungen zu befahren ist und jagen die kleinen Motoren zu Höchstleistungen. Die teilweise wild gestikulierenden, entgegenkommenden Autofahrer ignorieren wir gekonnt, lediglich einem nach oben gereckten Daumen antworten wir mit einem lässigen Moppedgruß. Die auf der Gegenfahrbahn immer wieder unter einer Schneeschicht verschwindenden Teerdecke weichen wir großzügig aus und erst als sich auch auf unserer Spur immer wieder Schnee breit macht, heißt es den Fokus vollends auf die Straße zu legen. Doch mit drei einfachen Regeln kommt man auch mit dem Zweirad auf Schnee ganz gut voran: Nicht lenken, nicht bremsen, nicht Gas geben. Und so stehen wir gegen 10.30 Uhr bei herrlichem Sonnenschein und freiem Blick auf die umliegenden Bergriesen neben dem Passschild des Bernina's, die Moppeds mit Schwung in einer Schneewehe versenkt, so dass sie auch ohne Ständer nichtmehr umkippen können.

Eine ausgiebige Pause am Berghalt der Bernina-Bahn, während der wir unsere tags zuvor
eingekauften Käse-, Schinken- und Baguette-Vorräte restlos vernichten macht uns einmal mehr zur
Attraktion: Im Moment tiefster Entspanntheit, die Sonne auf einer Bank im Windschatten des
Bahnhofsgebäudes genießend, fährt die Berninabahn ein und fördert staunende Gesichter zu Tage -
im ersten Moment noch ab der verschneiten Bergwelt, im nächsten Moment ab zweier
Moppedfahrer in einer Umgebung, die so nicht zu dieser Fortbewegungsart in dieser Jahreszeit
passen möchte. Die weitere Fahrt über St. Moritz und den Julierpass begeistert wie der Bernina, um
im weiteren Verlauf in Richtung deutscher Grenze wieder an Langeweile zuzulegen. Gegen 18 Uhr
verabschieden wir uns voneinander in dem Wissen uns spätestens in einem Jahr an der gleichen
Stelle wieder zu treffen. Dann in 4 Tagen mit Autobahnvignette und dem Mittelmeer als Ziel.

momoinno
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von momoinno » Di 8. Okt 2019, 22:18

Und die Bilder dazu...
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DonS
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von DonS » Di 8. Okt 2019, 22:22

Großes Kino! 👍

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Bernd
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von Bernd » Di 8. Okt 2019, 22:37

Klasse! :up2:

Gruß
Bernd :prost2:
Innova orange Bj. 2009
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Innova weiß Bj. 2010
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Trabbelju
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von Trabbelju » Mi 9. Okt 2019, 08:36

Danke für den Bericht, mein Kopfkino hat mich frösteln lassen.
Cub-Fahrer sind einfach anders, irgendwie härter.
Motorräder sind überlebenswichtig.
Die Dinosaurier hatten keine und zack, ausgestorben.

maddins
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von maddins » Mi 9. Okt 2019, 08:50

Super ! DAvon träume ich immer wieder - gemacht habe ichs noch nie. Eure Reise soll Ansporn sein mit den besten geländetauglichen, wieder aufhebbaren Maschinen mit kontrollierbarer Leistung eine Wintertour zu unternehmen.

Bitte mehr solche wunderbaren Reisen erzählen!

Gruß
Martin

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Done #30
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von Done #30 » Mi 9. Okt 2019, 08:56

klasse!
Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss. Von Vernunft hat keiner geredet. Wer erzählt seinen Enkeln mal am Kaminfeuer dass er nur jeden Tag brav ins Büro gegangen ist? Langweilig kann jeder.
Danke für den herzerfrischenden Bericht. Weiter so!
Done
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Nichts ist schlimmer als Leute, die sich für normal halten und ihr Verhalten und Auftreten auch von anderen erwarten

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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von Filstalwaver » Mi 9. Okt 2019, 09:11

Respekt!
Nur was für ganz harte Knochen!
Gruß Hans.

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darkwing
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alle älter als 15 ;)

Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von darkwing » Mi 9. Okt 2019, 09:35

Ein toller Bericht und sehr geile Bilder dazu .. klasse Aktion.
Danke für die tolle Unterhaltung!
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Mauri
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Re: Auf einen Espresso an den Lago

Beitrag von Mauri » Mi 9. Okt 2019, 13:22

Was für eine tolle Einstimmung mit schönen Bildern auf den Herbst/Winter der mit grossen Schritten näher kommt :superfreu: :up2: :inno2:
Gruß Mauri !

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